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Führung für Schüler des Kamenzer Lessing- Gymnasiums am 10.03.2016

Ein besonderer Flaniergang:

 

Wir entführten Kamenzer Gymnasiasten in die Welt des Barock

Es gibt Anrufe die man gern entgegen nimmt. Ein solcher kam zu Jahresende 2015 aus Kamenz und zwar vom dortigen Lessing- Gymnasium. Uns wurde die Bitte herangetragen, den dortigen 7. Klassen, die gerade das Barock im Lehrplan haben, selbiges durch eine Führung vor Ort näher zu bringen. Was lag da von Kamenzer Seite näher, als sich nach Dresden zu wenden, wo das Barock ja geradezu vor deren Haustür liegt. Wir waren dazu gern bereit und sagten sofort zu, denn es ist ja unser Anliegen, „unsere“ Zeit abseits von Klischees zu vermitteln, - also mit den 365 Kindern August des Starken aufzuräumen, oder der „Tatsache“ zu widersprechen, dass es im Augusteischen Zeitalter, mit der Reichsgräfin von Cosel, offenbar nur eine interessante Adelsdame gab. Weitere Undinge galt es aus dem Geschichtsbewusstsein der jungen Leute zu tilgen. Der Rezensent glaubt, dass das uns an diesem Donnerstag, den 10. März 2016 gut gelungen ist.

UNS, das waren Regina SCHWABE in der Rolle der Hofsängerin (die die organisatorischen Fäden von unserer Seite in der Hand hatte), die von einem alten Cämmerer (Bernd SCHWABE) begleitet wurde. Der Stadt- und Platzmajor Oberst von Bose (Wolfgang PETZOLDT) wurde von seiner Bosin (Christine BARTEL) unterstützt. Auch die ehrenwerte Gräfin von Königsmarck (Silvia WEISE, - einst selbst Gymnasiastin in in der Lessingschule) betätigte sich als Barockführerin und hatte dabei mit der Freifrau von Erdmannsdorf auf Schönfeld (Heidrun TENNERT) ihre Unterstützung. Ja, natürlich, unser Landesherr und Kurfürst sowie König in Polen (Werner POHLE) stellte sich ebenfalls an die Spitze einer der vier eingeteilten Schülergruppen.

Die Adelsherrschaften erwarteten die Kamenzer Gymnasiasten am Kronentor, wo diese 9:15 Uhr überpünktlich eintrafen. Nach einer kurzen Begrüßung durch die Hofsängerin, richtete Herr Bernd KRETSCHMAR, der Lehrer der uns engagiert hatte, das Wort an die Adelsleute und bedankte sich für unsere Bereitschaft die 84 Schüler (und 4 Lehrer) an die Stellen Dresdens zu führen, wo das Barock am schönsten und augenscheinlichsten ist.

Natürlich ließen es sich auch unsere Majestät nicht nehmen, die Gymnasialschüler und deren Lehrer in seiner Residenz zu begrüßen. Unser August Werner POHLE hat so eine Art, die Hemmungen gar nicht erst aufkommen lässt und auch für Lacher sorgt. Allerdings wurde  der Kurfürst streng, als ihm da von den Demoisellen Referenzen zugemutet wurden, die, wie sich Majestät ausdrückte „Unter aller Sau“ waren. Nach kurzer Übung klappte es so einigermaßen und zur Zufriedenheit des Landesherren. Den Kerls (und sich) ersparte er das Bein zu beugen. Er hatte wohl Angst sich daraufhin nicht mehr einholen zu können…

Nach Einteilung der Führungsgruppen setzten sich diese dann auf (mehr oder weniger) getrennten Wegen in Bewegung.

Der König und Kurfürst setzte sich, so wie es immer seine Art ist, sehr schnell mit seinem Gefolge ab, - auch die Gräfin von Königsmarck wurde bald nicht mehr gesehen. Nur der ehrenwerte Platzmajor uns seine Dame hatten längeren Halt im Zwinger und es war zu erleben, dass die Schüler mit ihren Fragen nicht hinter dem Berg hielten. Diese Wissbegierde erlebte dann auch die Hofsängerin und ihr gräflicher Gemahl der Cämmerer von ihrer Gruppe, der sich der heutige „Oberlehrer“ Herr KRETSCHMAR angeschlossen hatte.

Mit Interesse verfolgten die Schüler die Ausführungen zum Entstehen des Zwingers und zu dessen Architekten Pöppelmann und Friedrich August von Sachsen (der viele seiner guten Gedanken umsetzen ließ), sowie den Künstlern, die die Skulpturen in Sandstein gehauen haben. Zuförderst war hier Permoser zu nennen, aber auch dessen hochbegabten Schüler und Gehilfen Kirschner und Thomae, - die beide selbst zu großen Meistern wurden. Auch der Leiter der Zwingerbauhütte Hubert Ermscher, der schon in den 1920er Jahren und besonders nach der anglo- amerikanischen Zerstörung 1945, viel für den Erhalt und Wiederaufbau dieser Perle deutschen Barocks getan hat, musste genannt werden…

In Beantwortung vieler Fragen und ungefragter Mitteilung gelangten wir zur Langgalerie, die nach ihrem Baumeister Semper benannt wurde und heute die Gemäldegalerie „Alte Meister“ beherbergt. Schon dort, mit dem Durchblick zum Theaterplatz wurde nach dem Reiterstandbild gefragt. Dargestellt wird König Johann, der ein großer kluger Kopf war. (Übersetzte Dantes Göttliche Komödie ins Deutsche)

Die Hofsängerin hatte im Hinblick zur weltberühmten Semperoper einiges zu den Dresdner Theatern zu sagen. Neben dem Residenzschloss ist auch die Kathedrale nicht zu übersehen. Seit August III. diente sie dem Hause Wettin als Hofkirche. Die uns anvertrauten Schüler, aus der katholischen Oberlausitz stammend, gehören mehrheitlich der katholisch- römischen Konfession an und so war ein Besuch des Dresdner Domes nicht abzuschlagen. Belohnt wurden wir Besucher durch Orgelklänge, die das Kirchenschiff mit einer ganz besonderen Atmosphäre erfüllten. Der Kirchenbesuch diente auch zur Erholung müder Füße und zum etwas Aufwärmen, - denn unsere Begleitung war recht luftig bekleidet und fror während der gesamten Führung nicht wenig.     

Das sollte auf der zugigen Terrasse des unsäglichen Grafen Brühl nicht besser werden. Hier trafen wir auf unsere Majestät, der der Wind die Allongeperücke zauste. Nach einem Blick zur Elbe hinunter und ans jenseitige Ufer von Altendresden, der heutigen Neustadt, die in augusteischer Zeit als Königsstadt bezeichnet wurde und den Starken August (ganz in Gold) gen Polen reiten lässt, - zog es uns über die Münzgasse zur nächsten Dresdner Sehenswürdigkeit. Während die Hofsängerin ihre Gesellschaft in die Steinerne Glocke führte, entdeckte der Cämmerer am Coselpalais (Bauherr und Namensgeber ist der illegitime Sohn August II. mit der Reichsgräfin von Cosel) des Sachsenfürsten erste große Liebe. Dies ist die Dame en titré Gräfin von Königsmarck, die dort mit ihrer Hofdame Freifrau von Erdmannsdorf und einem Haufen wilder Junker, die gerade versuchten, die dort stationierte Kanone zu zerlegen, angetroffen wurde. Schnell betätigte sich der Graf von Schwabe zu Nau als Lichtmaler um danach in das berühmteste lutherische Gotteshaus zu eilen, wo er seine ermattete Reisegesellschaft antraf und aufscheuchte. Die Zeit war vorangeschritten und es sollte noch zum Stallhof und am Fürstenzug entlang gehen. Hier wurden unsere Gymnasiasten auf die (seit Johann dem Frommen) auf dem Meißner Kachelbild bis zu Johann Georg IV (Bruder und Vorgänger August des Starken) ausgestreuten Rosen aufmerksam gemacht. Kein Pferdetritt beschädigte die Lutherrosen, - bis zum Rosse des Starken August, - das zertritt die Rose und symbolisiert damit den Verrat des Sachsenfürsten an der Staatsreligion seines Landes. Am Schlossplatz dann, bemerkte Cämmerer und Hofsängerin gewisse Ermüdungserscheinungen ihres Gefolges und ein Geräusch, dass sich als Zähneklappern herausstellte. Da war es wohl angeraten, die ganze Gesellschaft über die Augustusbrücke zum Neustädter Bahnhof zu komplimentieren und ihr den Rückweg zum Kronentor zu ersparen.

Auch bei den Adelsleuten machte sich Pflastermüdigkeit breit und so waren sie über den etwas verfrühten Rückweg nicht böse.

Es hat allen sieben Barockführern viel Spaß gemacht und sie hoffen, dass sie den jungen Leuten etwas in Sachen des Barock mit in ihr Gymnasium geben konnten.

Eine Bemerkung sei dem Rezensenten noch gestattet. Die anderen drei Lehrer hat er nur kurz erlebt und kann sie daher kaum beurteilen, aber mit Herrn Bernd KRETSCHMAR haben die Gymnasiasten und die Schulleitung wohl einen sehr tollen Pädagogen am Lessing- Gymnasium. Dazu kann man nur gratulieren. Möge er nie das Rentenalter erlangen, - solche Lehrer braucht das Land. Erfrischend seine Art und die mit ihm geführten Gespräche. Der olle weißbärtige Cämmerer würde direkt gern noch mal zu solchen Lehrern in die Schule gehen.

Am Kronentor trafen sich die Adelsleute dann und steuerten zwecks Türkentrunk und Eierschecke das nächste Café an.

Hier konstatierte man noch mal, dass es sich gelohnt hat für diese unsere Führung einen Urlaubstag zu nehmen oder als Selbständige einige Euros einzubüßen und gar mit schmerzhaft verrenktem Knie zu erscheinen. Wir würden gern wieder mit Kindern und Jugendlichen arbeiten und ihnen das Barock näher bringen. Es war ja an diesem 10. März nicht das erste mal. Text und Fotos: Bernd Schwabe (eingestellt am 11,03.2016)

 

 



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