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Besuch des Ameißschen Hauses in Görlitz am 23.10.12

Das Ameißsche Haus – eine museale Sehenswürdigkeit der Europastadt Görlitz/Zgorzelec

Ausflug mit dem Stadtverband Dresden e. V. der URANIA in die Zweierstadt

 Bedingt durch Krankheit und anderweitige kulturelle Bindung, war unsere Gruppe, die sich der URANIA- Stadtgruppe Dresden e. V. am 23.10.2012 zu einer Exkursion nach Görlitz anschloss, zwar geschrumpft, aber trotzdem voller Erwartung und Interesse, was sich unter der Bezeichnung unseres Reisezieles >Ameißsches Haus< verbergen wird. Eine vorherige Recherche im Internet brachte keinen Hinweis, auch wenn nach Adressenvergleich darauf zu schließen war, dass sich das Ziel unserer Begierde unter dem Namen >Kulturhistorisches Museum< synonymisiert. Ein früherer Besuch hatte uns schon mal in das „Ameisenhaus“ geführt, - das war, als das Gebäude als solches fertig restauriert war. Nun galt unser bevorzugtes Interesse dem, was nun die Räume dieses Museums füllt und mit Leben erfüllt. Es sei dem Direktor des >Ameißschen Hauses< Herrn Jasper von RICHTHOFEN attestiert, dass unsere Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern weit darüber hinaus übererfüllt wurden. Dieses neu aufgestellte Objekt der Görlitzer/Zgorzelecer Museumslandschaft ist ein wahrer Knüller, auf den die Stadt, der Museumsdirektor und seine Mitarbeiter, sowie alle Besucher stolz (und letztere, noch kommende, neugierig) sein können.

Doch noch waren wir in Dresden auf dem Hauptbahnhof, wo wir uns, den Freunden der URANIA zur Fahrt mit dem Regio- Express zur Neißestadt anschlossen. Die Fahrt durch die Farbigkeit der herbstlichen Landschaft war angenehm, im Denken an die derzeit noch mehr überzogenen Spritpreise auch bedeutend preiswerter und ohne Autofahrstress… Nach ca. Eineinhalbstunden langten wir in der Kreisstadt des Niederschlesischen Oberlausitzkreises an und die Reisegesellschaft stob zunächst in alle Winde, oder besser gesagt zu „Schlesischem Himmelreich“ oder schmackhafterer sächsischer Kost. Pünktlich 13:15 Uhr waren wir bei unserem vereinbarten Treffpunkt am Rathaus und nur wenige Schritte führten uns nun in das >Ameißsche Haus<, welches uns mit seiner frisch renovierten Fassade schon von Weitem entgegenleuchtete.

Nun ist es wohl an der Zeit, etwas über die Benamung und Entwicklung des Hauses zu sagen. Er muss sehr wohlhabend gewesen sein, der Damastgroßhändler Johann Christian Ameiß, dass er sich 1759 einen derartig prächtigen Bürgerpalast errichten lassen konnte. Da wird wohl mancher Adelsherr neidvoll geblickt haben, denn die bis dato vielen, für Sachsen so ungünstig verlaufenen, Kriege, dürften den Adel eher arm als reich gemacht haben. Die zwischen den kriegerischen Konflikten liegende Friedenszeiten haben hingegen Handwerk, Handel und Gewerbe aufblühen lassen und der Kaufmann Ameiß war offenbar ein glückhafter Profiteur davon. Und er zeigte es dem Adel so richtig. In einem der Räume steht noch eines der damals üblichen Prachtbetten, in dem der Handelsherr weniger ruhte, als vielmehr seine Geschäfte zum Abschluss brachte, - so wie es wohl auch die Auguste in Dresden handhabten. Irgendwoher muss die Bezeichnung Kammerherr ja kommen, denn diese waren die Vermittler in all den Geschäften. Aber man kann sich auch vertun. Meister Ameiß hat sich wohl vertan, denn er konnte die Pracht seines Palais nur ca. zwei Jahre genießen, dann war er insolvent und die kostbaren Einrichtungsgegenstände kamen unter den Hammer. Das ist vermutlich auch der Grund, warum heute in diesem Museum keine Originalgegenstände aus der Ameißschen Zeit zu sehen sind. Heute beherbergt das Haus originalgetreue Nachbildungen und Originale aus anderen Häusern und, man muss es unbedingt bemerken, dass man sich dennoch in die Salons und Gemächer des Kaufherren Ameiß versetzt fühlt, zumal auch Kunsthandwerk des 17. und 18.Jh. in die Exposition eingefügt wurde. (Hier wurde eine tolle Museumskonzeption umgesetzt!)

Schon seit 1951 beherbergt das >Ameißsche Haus< das Görlitzer Kulturhistorische Museum, was auch schon einiges zu bieten hatte. Nun aber, nach Beendigung einer mehrjährigen und 4,5 Millionen teuren Restauration und mit sehr geglückter Ausstellungskonzeption, präsentiert sich eine wahre Perle der deutschen Museumskultur. Seit dem 7. September 2012 steht das Haus nun mit allen Räumen, auch den Gemächern des Handelsherren Ameiß und die barocken Sammelkabinette, der Öffentlichkeit zum Besuche offen. Wie sagt ein Webetext des Museums: „Hier wird ein authentischer Eindruck der bürgerlichen Kultur des Barock in Görlitz und der Oberlausitz vermittelt.“

Zurück in die Museumsräume. Neben schon erwähntem Kunsthandwerk, sehen wir hier auch Werke des Landschaftsmalers Alexander Thiele (1685 – 1732) und die riesenhaft anmutende Büchersammlung der >Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften<, die von Jedermann genutzt werden kann und bei der Mehrzahl unserer Reisebegleiter – überwiegend im Dienst oder Rentenalter befindliche Bibliothekare, - für begeisterte Freudenmienen sorgte. Grundstock dieser Sammlung war die Bibliothek des Schweidnitzer Rechtsgelehrten und Advokaten Johann Gottlieb Milich (1678 – 1726), der als Lutheraner im katholischen Schweidnitz gelegentlich nicht nur um sein und seiner Familie Leben bangen musste, sondern auch um seine Büchersammlung, die er per Testament, der als weltoffen und tolerant geltenden Stadt Görlitz vermachte. 1727 trafen hier 4000 Bücher und 120 Handschriftenmappen ein. Diese Bibliothek war zweimal wöchentlich für Interessenten geöffnet, womit Görlitz die erste öffentliche Leihbibliothek hatte. Heute, durch Spenden und Zusammenführung im Bestand stark erweitert, ist das älteste Exemplar eine Handschrift aus dem 11.Jh. und berühmt sind die alten Landeschroniken. Wir wissen ja, dass es in der Oberlausitz/Niederschlesien einige Geistesgrößen und Genies gab, - hier fällt mir das Universalgenie und (Mit-) Erfinder des europäischen Porzellans Ehrenfried Walther von Tschirnhaus ein, aber nach dem Besuch des Kulturhistorischen Museums können weitere Erfinder und Tüftler aufgezählt werden. Die Elektrifiziergeräte Adolph Traugotts von Gersdorff auf Meffersdorf, der gemeinsam mit Dr. Anton auf Obernaundorf und Gottlob von Schachmann auf Königshain die Oberlausitzer Gesellschaft der Wissenschaften stiftete,  und viele weitere Exponate, wie Barometer und Temperaturmesser waren schon sehr beeindruckend.

Uns hat noch etwas, oder besser, noch wer, sehr beeindruckt, um nicht zu sagen, begeistert und das war der wissensreiche, uns in mitreißendem Ton von Raum zu Raum und von Exponat zu Exponat führende Museumsmitarbeiter Herr Klaus- Peter FRÖHLICH. Bei einer so guten Führung hätte der Rundgang durch das Museum >Ameißsches Haus< noch länger dauern können, aber irgendwann rief der Schienenstrang und wir mussten unseren Exkurs „Zwischen Pracht und Protz“ im Ameiß’schen Barockhaus zu Görlitz beenden. Viel war auf unserem Weg durch Görlitz noch zu entdecken, - wer die Stadt kennt, wie sie vor mehr als 20 Jahren ausgesehen hat, der mag heute ermessen, was für deren Erhaltung alles getan wurde. Bleibt zu hoffen, dass die Arbeit in die Neißestadt zurückfindet, damit Görlitz nicht zur Museumsstadt ohne Menschen der Zukunft wird, sondern der Jugend eine Perspektive bieten kann.

Uns Pflegern barocker Traditionen hat die URANIA- Bahnexkursion sehr gut gefallen und auch viel gegeben. Wir danken Herrn Ralf P. KRÄMER / MdU, dass wir ihn und die URANIA- Leute zu diesem interessanten Punkt unserer sächsischen Heimat begleiten durften. Gern mal wieder. Text und Fotos: Bernd Schwabe



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