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Reformationsfest in Lauenstein,31.10.2010

Reformationsfest im osterzgebirgischen Lauenstein

Auf den Spuren des großen Reformators Dr. Martin Luther und seines Gegenspielers Johann Tetzel

 

Er gehörte zu einen der schönen Tage, die der Herbst, in Sichtweite des nahenden Winters, mit den schönsten Laubfarben, einem angenehmen Fön und milder Sonne, zu schenken in der Lage ist, dieser Reformationstag des Jahres anno 2010.

So begab sich eine gemischte Gruppe hochadeliger Hofleute in ihren Chaisen durch das lieblich- friedliche, jedoch manchmal so viel Verderb bringende, Tal der Müglitz, die Uhrenstadt Glashütte hinter sich lassend, in Richtung gegen den Geisingberg, zum mittelalterlichen Städtchen Lauenstein. Auf einem Plateau gelegen, hatte es Jahrhunderte langen Schutz gegen das tückische Hochwasser der Müglitz, so dass es noch heute in seiner Ursprünglichkeit erhalten geblieben ist. Nicht übertrieben hat der König Johann von Sachsen, - dieser kunstsinnige, den Naturschönheiten stets sehr zugewande Herrscher, als er in Begeisterung die Flussniederung der Müglitz als „das schönste Tal Sachsens“ bezeichnete. Er musste es ja wissen, hat er doch nicht wenige Lebensjahre auf Schloss Weesenstein hoch über dem Müglitztal verbracht. So wie es dieser ruhmreiche verblichene Sachsenkönig damals sah, so erlebten wir bei unserer Hinfahrt dieses enge, wie in die Felsen eingeritzte und durch den Schmuck seiner herbstlich gefärbten Bäume verzierte Tal, welches im August des Jahres 2002, durch die Auswirkungen der Jahrhundertflut, völlig verwüstet war und Baum und Haus mit den Fluten weggerissen sah. Wir wurden mit unseren Kutschen in den vorderen Burghof geleitet und sahen eine wunderbar restaurierte Schlossfassade des Wohnschlosses aus dem 16. Jahrhundert und später auch das konstruierte und gepflegte Innenleben desselben, sowie die anhängende Ruine einer Burg aus dem 14. Jahrhundert. Auf einer malerischen Felsenkuppe über dem Tal der Müglitz gelegen, hat man von hier einen schönen Blick auf das Flusstal, den Ort Lauenstein und bis weit in die Landschaft hinein. Man mag sich hier oben wie ein Greif fühlen, wenn man seinen Blick schweifen lässt. Die Falknerei, schon im Mittelalter, aber auch im Barock gern ausgeübte Beizjagd, hat in Lauenstein Tradition, - die "Falknerei" gehört zu den Sehenswürdigkeiten des Ortes, und auf dem Marktplatz steht das 1912 errichtete Wahrzeichen Lauensteins, der Falknerbrunnen. Im Schloss befinden sich museale Ausstellungen, darunter auch über die Jagd (speziell über die Falknerei) und eine Vielzahl von ausgestopften Greifvögeln und anderem Jagd- und Waldgetier sind dort zu sehen. Im Vogelsaal ließ ein Adler seine wachen Augen schweifen und er erlebte wie wir und die geflügelten Wesen der kostbaren Wandmalereien, eine ganz besondere Überraschung zu diesem Reformationsfest. Wir hatten durch unsere Arbeitskreis- Freunde Johanna und Frank ROLLE erfahren, dass ihre Renaissancetanzgruppe aus Torgau einen Auftritt am Reformationstag im Lauensteiner Schloss haben würde. Diese Information bewegte uns zum Besuch von Stadt und Schloss Lauenstein und ich muss sagen, wir wurden auf das angenehmste überrascht. Durch unsere Freunde, die entsprechend der Zeit, in der sich ihre Tanzgruppe bewegt (1350 – 1600), gekleidet waren, herzlich begrüßt und ihren Ensemblemitgliedern vorgestellt, erwarteten wir in erwähntem Vogelsaal die Darbietung. Was dann vor unseren Augen ablief, hat uns außerordentlich erfreut, überrascht und begeistert. Nahezu perfekt wurden uns hier Tänze längst vergangener Zeiten zelebriert, - von getragen bis zu regelrecht flott, aber für uns immer als etwas ganz Besonderes, was wir so noch nicht erlebt haben. Allen Akteuren des Renaissancetanzkreises des Torgauer Kunst- und Kulturvereins „Johann Kentmann“ e. V., voran der Tanzmeisterin, Tanz- Theater- und Musikwissenschaftlerin  Frau  Mareike GREB, ein herzliches Dankeschön für diese erhebende Vorstellung ihres Könnens und für das nette, Erfahrung austauschende, Gespräch im Anschluss an ihre Darbietungen. Die Tanzgruppe besteht seit 1996 und wurde damals vom Träger des Bundesverdienstkreuzes, dem Tänzer und Choreografen  Herrn Manfred SCHNELLE, als Tanzmeister trainiert und zur Meisterschaft geführt. Seit 2007 tut das nun Frau GREB und es erfolgte eine Rückbesinnung auf die historischen Quellen und gleichzeitig eine Öffnung gegenüber den Tanzbüchern aus Italien und England vom 15. bis 17. Jahrhundert. Die Rekonstruktionen von Reigen-, Gassen-, Paar-, Sprung- und Schreittänzen, Branlen aus Frankreich, Balli aus Italien, Country Dances aus England u.a. werden nun nach und nach ins Programm eingearbeitet. Wir erlebten einige Kostproben und sind begeistert. Im Türken- und Wappensaal, wo wohl schon mancher Ehebund besiegelt wurde, gab es eine Akustikprobe der ehrenwerten Hofsängerin (Regina SCHWABE) und unsere Freundin Johanna ROLLE überraschte uns mit ihrem Spiel am Flügel.  Wie schön kann sich doch ein Reformationsfest gestalten, wiewohl wir eigentlich Händel mit dem Seelenverkäufer und Ablasshändler Johann TETZEL suchen wollten, aber weder ihn noch seinen großen Gegenspieler Martin LUTHER bekamen wir zu Gesicht. Offenbar war die Zeit wohl doch zu knapp bemessen. In den Lutherkeller zu deftigem Mahle hatten wir es gleich nach unserem Eintreffen geschafft, aber die Fülle von Kunst und Kultur, die uns im Schloss erschlossen wurde, machte weiteren Appetit und so zog es uns denn zum Tore hinaus und am Markt in das Hinterstübchen des Bäckermeisters RICHTER. Was soll ich sagen, - wir Großstädter sind ein solches Bemühen um den Gast und Kunden kaum gewöhnt und so haben wir uns gern in den kleinen Hinterraum einschachteln lassen und bei Kaffee und Kuchen war die Welt in Ordnung. Eines muss ich hier noch bemerken, - so eine schmackhafte Eierschecke haben wir selbst in der Heimatstadt derselben bisher kaum auf dem Teller gehabt. Hier kann dem Bäcker RICHTER aus Lauenstein wirklich ein großes Lob ausgesprochen werden. Das ist noch echtes Handwerk. Während danach ein Teil unseres Hofstaates (die später Eingetroffenen) einer weiteren Darbietung der Torgauer Tänzer zustrebte, begab sich der andere Teil in die evangelische Stadtkirche Sankt Marien und Laurentin. Nicht zu Unrecht genießt dieses Gotteshaus den guten Ruf  eines spätgotischen Kleinods. Urkundlich erwähnt wurde die Kirche bereits im Jahre 1340 und im Laufe der Zeit nahm sie in ihrem Inneren eine Vielzahl sakraler Kunstwerke auf, die uns bei ihrem Anblick vor Bewunderung verstummen ließen. Besonders der Hauptaltar und der im Nebenschiff, aber auch die prachtvolle Deckenbemalung haben uns ins Staunen versetzt. Dazu kommt die stimmgewaltige „Jehmlich - Orgel“ aus der berühmten Dresdner Werkstatt, so dass hier wirklich ein bewundernswertes Gesamtensemble auf die Gläubigen und Besucher wartet. Nach unserem Kirchbesuch begaben wir uns noch mal in den Trubel des Markttreibens und den Lustbarkeiten im Schlosshof, führten nette Gespräche und dienten als Fotomotive. Langsam begann es zu dämmern und als wir uns alle wieder gefunden hatten, beschlossen wir die Heimfahrt und einen Kurzbesuch im Barockpark des Schlosses Weesenstein. Der Rückweg nach dort zog sich und wir erreichten Park und Schloss Weesenstein gerade, als die untergehende Sonne rötliche Wolkenfetzen an den Himmel malte und das Schloss in ein warmes Herbstlicht tauchte. Während unseres Ganges, bei dem wir uns von der mittlerweile völligen Beseitigung der Flutschäden des Jahres 2002 überzeugen und erfreuen konnten, nahm die Dunkelheit Besitz von diesem herrlichen Flecken barocker Erde und wir strebten unseren Karossen zu. Ein Teil des Hofstaates eilte neuen Pflichten entgegen und der Rest steuerte dem historischen Markt in Dohna zu, wo er im Ratskeller ein gar köstliches Abendessen vorgesetzt bekam. Auch hier konnten wir ob der Bewirtung nur des Lobes voll sein. Das Haus ist zu empfehlen, was wir auch daran sahen, dass der Gastraum an diesem Sonntagabend, wo doch der strebsame Sachse normalerweise bereits an den morgigen Dienstbeginn denkt und sich schonend das Sofa bevölkert, fast bis auf den letzten Platz besetzt war. Durch das leckere Mal zu würdigem Abschluss gekommen, konnten wir alle, die wir dabei waren (unsere Runde war schon größer!), konstatieren, dass es jammerschade gewesen wäre, wenn wir diesen Reformationssonntag zu Hause auf dem Sofa vertan hätten. Resümee: Ein wunderbarer Herbsttag mit vielen guten Eindrücken und in bester Gesellschaft von Gleichgesinnten, mit viel Kunst- und Kulturgenuss und einem Städtchen Lauenstein, welches uns sicher bald mal wieder sehen wird. Text und Fotos: Bernd Schwabe

 

 

 

 



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